Wenn der Partner Demenz hat: Wie sich der Alltag einer pflegenden Angehörigen verändert

Interview. Ich pflege meinen an Demenz erkrankten Partner.
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Wenn Erinnerungen langsam verblassen, verändert sich auch das gemeinsame Leben. Elisabeth Becker (Name geändert) begleitet ihren an Demenz erkrankten Partner seit der Diagnose im Alltag. Im Gespräch mit Gerontologe Adriano Pierobon erzählt sie von Herausforderungen, Momenten der Nähe – und davon, was ihr Kraft gibt. Liebe Frau Becker, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen und bereit sind, Ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Interview vom 09.03.2026

Einstieg und persönliche Geschichte

Können Sie kurz erzählen, wer Sie sind und wie lange Sie schon mit Ihrem Partner zusammen sind?    Mein Name ist Elisabeth Becker, ich bin 74 Jahre und in Rente. Ich war in meinem gesamten Berufsleben als Kinderkrankenschwester tätig. Heute lebe ich im Badischen mit meinem Partner Ernst. Ernst, 81, und ich haben uns vor 36 Jahren kennengelernt und leben seit 34 Jahren zusammen.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass etwas mit ihrem Partner nicht stimmt? Ganz deutlich aufgefallen war mir das in unserem Sommerurlaub in Kroatien 2022. Ernst wollte nur ungern das Hotelzimmer verlassen und hatte Angst, mit dem Auto zu fahren. Auch weinte er plötzlich ohne ersichtlichen Grund. Natürlich fiel mir schon länger auf, dass Ernst immer wieder Sachen suchte oder sich an bestimmte Gegebenheiten nicht mehr erinnerte, aber diese Defizite begründete ich mit seinem Alter.

Wie wurde schließlich die Diagnose gestellt? Als wir nach dem Urlaub nach Hause kamen, vereinbarte ich einen Termin bei unserem Hausarzt. Dieser untersuchte Ernst und nahm Blut ab. Er ging bei diesem Besuch nicht konkret auf die Defizite von Ernst ein und gab uns eine Überweisung zu einem Neurologen. Der Neurologe führte beim Termin mit Ernst und mir ein ausführliches Gespräch. Er fragte, seit wann die Gedächtnisprobleme aufgetreten sind und seit wann es Veränderungen gab. Außerdem fragte er nach Problemen im Alltag und ob sich das Verhalten und die Persönlichkeit von Ernst verändert hätten. Es folgten kurze kognitive Tests, mit denen das Gedächtnis, die Konzentration und Orientierung sowie Problemlösungen abgefragt wurden. Im Anschluss erfolgte eine körperliche Untersuchung. Es wurde dann nochmals Blut abgenommen. Der Neurologe hielt sich bedeckt mit seinen Aussagen und verwies auf die kommenden Blutergebnisse. Ich ahnte aber bereits während der Konsultation, dass etwas mit Ernst nicht stimmte. So verzweifelte er z. B. an einem Test mit Textaufgaben und fing zu weinen an. Um es kurz zu machen: Die Blutuntersuchungen waren bis auf wenige Werte unauffällig und alters-typisch. Die eigentliche Diagnose wurde schließlich fast ein Vierteljahr nach dem ersten Arztbesuch und weiteren Untersuchungen in einer Klinik, beispielsweise durch MRT, gestellt. Ernst litt an der Alzheimer-Krankheit.

Wie haben Sie sich in diesem Moment gefühlt? Natürlich war es ein Schock für mich. Aber die Zeit zwischen erstem Arztbesuch und schließlich der Diagnose nutzte ich, um mich zu informieren. Eigentlich ahnte ich, dass eine demenzielle Erkrankung vorlag. Die Situation wurde insbesondere durch die offensichtliche Verzweiflung von Ernst kompliziert, der selbst erkannte, dass etwas nicht stimmte.   Er hatte Schwierigkeiten, sich neue Informationen zu merken. Hatte oft Wortfindungsstörungen und vergaß Termine. Er versuchte, dem entgegenzuwirken, indem er sich andauernd Notizen machte.

Der Alltag nach der Alzheimer-Diagnose

Wie hat sich Ihr gemeinsamer Alltag seit der Diagnose verändert? Der Umgang zwischen uns wurde fürsorglicher. Ich wechselte recht schnell die Rolle. Von einer gleichberechtigten Partnerschaft hin zu einer Pflege- und Unterstützungsrolle. Wir verbringen viel Zeit in unserem Garten und erledigen dort kleine Arbeiten. Auf Urlaub haben wir seit der Diagnosestellung verzichtet. Allgemein strukturieren wir unseren Alltag stärker als früher und gestalten ihn ruhiger.

Welche Aufgaben haben Sie heute übernommen, die früher der Partner gemacht hat? Da wir in der Vergangenheit eine klassische Aufgabenteilung hatten, musste ich viel dazulernen. Besonders im Bereich Finanzen und Behördengänge. Natürlich muss ich jetzt Dinge erledigen wie die Organisation von Terminen und z. B. Medikamenten. Wir wohnen in einem kleinen Reihenhaus. Auch hier fallen jetzt Tätigkeiten wie z. B. Heizöl bestellen, Handwerker anrufen und viele ähnliche Dinge in meinen Verantwortungsbereich.

Gibt es Momente im Alltag, die besonders schwierig sind? Mit am schwierigsten finde ich mehrmals am Tag wiederholende Fragen wie z. B. „Wann gehen wir los?“ Oder wenn er etwas sucht und nicht findet. Auch muss ich ständig aufpassen, dass Ernst das Haus nicht allein verlässt. Es sind viel weniger die Unterstützung und die Übernahme von Aufgaben, die zehren, viel mehr belastet mich die ständige Sorge und Aufmerksamkeit. Zusätzlich treten je nach Tagesform Unruhe, Rastlosigkeit und Stimmungsschwankungen bei ihm auf.

Gibt es auch eindrucksvolle oder berührende Momente trotz der Krankheit? Wir beide lieben klassische Musik. Wenn wir z. B. nach dem Abendessen eine CD auflegen und gemeinsam den Klängen lauschen, tut uns das sehr gut. Die Musik hat eine beruhigende Wirkung auf Ernst. Man sieht ihm förmlich an, wie er genießt. Auch unsere abendlichen Spaziergänge im nahegelegenen Wald tun uns beiden gut. Bei schönem Wetter sind auch Arbeiten im Garten eine willkommene Abwechslung. Manchmal nimmt er meine Hände und streichelt sie ganz ruhig. In solchen Momenten spüre ich, dass noch etwas von unserer Nähe da ist – auch wenn die Krankheit vieles verändert hat.

Emotionale Belastung – Leben mit einem Partner mit Demenz

Was sind für Sie die bedeutendsten Herausforderungen in der Pflege? Die Tage, an denen Ernst unruhig ist und nachts herumwandelt, sind für mich nicht leicht. Auch bekommt er immer öfter Stimmungsschwankungen, die mit Wut einhergehen. Da muss ich mich dann schon beherrschen, um nicht laut zu werden. Nach solchen Ereignissen fühlte ich mich dann auch unendlich müde und verzweifelt. Dann ist da noch zu wenig Zeit für mich selbst. Zum Glück habe ich eine treue, langjährige Freundin, die zweimal die Woche zu uns kommt und sich mit Ernst beschäftigt. In dieser Zeit gehe ich dann einkaufen oder erledige Dinge für mich. Trotzdem bleibt eine gewisse soziale Isolation.

Unterstützung und Hilfsangebote

Bekommen Sie Unterstützung von Familie, Freunden oder professionellen Diensten? Wie bereits erwähnt unterstützt mich eine langjährige Freundin. Mit ihrer Hilfe habe ich für mich „Inseln“ geschaffen, in denen ich zumindest zeitweise aus dem Alltag rauskomme. Auf einen Pflegedienst habe ich bisher außer den regelmäßigen Beratungsbesuchen für die Pflegekasse noch nicht zurückgegriffen. Allerdings hatte ich im Herbst letzten Jahres eine 14-tägige Auszeit. Mit dem Zusammenlegen von Kurzzeit- und Verhinderungspflege stand mir ein Jahresbudget von etwa 3.500 Euro von der Pflegekasse zur Verfügung. Ich ließ mich beraten und organisierte eine häusliche Verhinderungspflege. Hier kam dann eine freundliche Pflegerin von ihrer Agentur in unseren Haushalt. Bewusst habe ich den Starttermin 3 Tage vor meinen geplanten Urlaub gelegt, um zu schauen, ob Ernst und die Pflegerin klarkamen. Die Pflegerin machte einen freundlichen und soliden Eindruck und verstand sich sofort mit Ernst. Flankierend schaute noch regelmäßig meine Freundin vorbei. So konnte ich dann für 2 Wochen eine Kur antreten. Das hat mir sehr gutgetan.

Blick nach vorn

Wovor haben Sie im Kontext der Zukunft am meisten Angst? Am meisten Angst habe ich davor, dass die Krankheit weiter fortschreitet und er mich irgendwann gar nicht mehr erkennt. Der Gedanke, dass unsere gemeinsamen Erinnerungen ganz verschwinden könnten, ist sehr schwer. Auch ich werde älter. Ich frage mich manchmal, ob ich die Pflege langfristig alleine schaffen kann, wenn er irgendwann in allen Bereichen Hilfe braucht.

Liebe Frau Becker, vielen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen so offen mit uns geteilt haben.

 

Wenn der Partner an Demenz erkrankt: Wie sich der Alltag für pflegende Angehörige verändert

Wenn der eigene Partner an Demenz erkrankt, verändert sich das gemeinsame Leben oft grundlegend. Erinnerungen schwinden, Gewohnheiten verändern sich und viele alltägliche Situationen werden plötzlich zur Herausforderung.

Für pflegende Angehörige bedeutet dies nicht nur organisatorische Aufgaben, sondern auch eine erhebliche emotionale Belastung. Gleichzeitig wünschen sich viele Betroffene, ihren Partner so lange wie möglich zu Hause begleiten und unterstützen zu können.

Wie beeinflusst Demenz den Alltag von Paaren?

In der Anfangsphase der Erkrankung sind Veränderungen häufig noch kaum wahrnehmbar. Kleine Gedächtnislücken oder Orientierungsschwierigkeiten fallen zwar auf, werden jedoch zunächst oft als normale Alterserscheinungen gedeutet.

Mit fortschreitender Erkrankung treten jedoch häufig typische Symptome auf, wie zum Beispiel:

  • Vergessen von Namen oder Terminen
  • Orientierungsprobleme im vertrauten Umfeld
  • Veränderungen der Persönlichkeit
  • Schwierigkeiten bei einfachen alltäglichen Tätigkeiten
  • zunehmender Unterstützungsbedarf im Haushalt

Für den gesunden Partner bedeutet das meist, Schritt für Schritt mehr Verantwortung zu übernehmen – sowohl organisatorisch als auch emotional.

Herausforderungen für pflegende Angehörige

Wenn der Partner an Demenz erkrankt, verändert sich die Beziehung häufig nach und nach. Aus einer Partnerschaft wird in vielen Fällen zusätzlich eine Pflegebeziehung.

Viele Angehörige berichten, dass sie plötzlich mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen müssen:

  • Partner oder Partnerin
  • Betreuungsperson
  • Organisator für Arzttermine und Medikamente
  • emotionale Unterstützung

Diese Veränderungen können sehr belastend sein. Besonders schwierig ist es für viele Angehörige, wenn sich die Persönlichkeit des geliebten Menschen verändert oder gemeinsame Erinnerungen nach und nach verloren gehen.

Emotionale Belastung und Überforderung

Viele pflegende Angehörige erleben ähnliche Gefühle:

  • Trauer über den schleichenden Verlust gemeinsamer Erinnerungen
  • Überforderung durch die tägliche Verantwortung
  • Schuldgefühle, wenn die eigenen Kräfte nachlassen
  • Einsamkeit, weil sich soziale Kontakte verändern

Diese Gefühle sind völlig verständlich und keine Seltenheit. Deshalb ist es besonders wichtig, dass pflegende Angehörige auch auf ihre eigene Gesundheit und ihr persönliches Wohlbefinden achten.

Was Angehörige im Alltag unterstützen kann

Der Alltag mit einem demenzkranken Partner bringt viele Herausforderungen mit sich. Einige einfache Ansätze können dabei helfen, den Tagesablauf für beide Seiten übersichtlicher und ruhiger zu gestalten.

Struktur im Alltag schaffen

  • strukturierte Tagesabläufe etablieren
  • feste Routinen beibehalten, um Orientierung zu geben

Kommunikation anpassen

  • einfache und klare Satzstrukturen nutzen
  • Geduld zeigen und Streitigkeiten möglichst vermeiden
  • Validation bei Demenz

Hilfsmittel einsetzen

  • Erinnerungshelfer wie Kalender oder Notizzettel verwenden
  • wichtige Gegenstände gut sichtbar platzieren

Auf sich selbst achten

  • regelmäßige Pausen und persönliche Auszeiten einplanen
  • Unterstützung durch Familie oder professionelle Hilfe annehmen

Mit diesen Ansätzen kann der Alltag für beide Seiten ruhiger, strukturierter und besser bewältigbar werden.

Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag

Die Pflege eines demenzkranken Partners muss niemand alleine bewältigen. In Deutschland gibt es verschiedene Unterstützungsangebote für Angehörige.

Dazu gehören beispielsweise:

  • ambulante Pflegedienste
  • Tagespflegeangebote
  • Beratungsstellen für pflegende Angehörige
  • Betreuung im eigenen Zuhause entweder stundenweise oder als sog. 24-Stunden-Pflege

Eine Betreuung zu Hause kann Angehörige deutlich entlasten. Betreuungskräfte unterstützen im Alltag zum Beispiel bei:

  • Haushaltsaufgaben und Einkäufen
  • der Strukturierung des Tagesablaufs
  • gemeinsamen Spaziergängen
  • Gesprächen und Gesellschaft

So kann der demenzkranke Partner weiterhin in seiner vertrauten Umgebung leben, während Angehörige gleichzeitig Unterstützung und Entlastung erhalten.

Warum Entlastung für Angehörige wichtig ist

Viele Menschen möchten ihren Partner so lange wie möglich selbst pflegen. Dieser Wunsch ist sehr verständlich.

Dennoch ist es unerlässlich, die eigenen Grenzen zu erkennen. Regelmäßige Unterstützung kann helfen,

  • körperliche Erschöpfung zu vermeiden
  • emotional stabil zu bleiben
  • langfristig eine liebevolle Betreuung zu ermöglichen

Gerade bei einer Erkrankung wie Demenz, die oft über viele Jahre verläuft, ist Entlastung für Angehörige besonders wichtig.

Häufige Fragen zur Demenz in der Partnerschaft

Was tun, wenn der Partner an Demenz erkrankt?

Zunächst ist eine ärztliche Diagnose unerlässlich. Anschließend sollten sich Angehörige frühzeitig über Beratungsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten informieren, um Überlastung vorzubeugen.

Kann ein Mensch mit Demenz zu Hause leben?

Ja. Mit ausreichender Unterstützung und einer passenden Betreuung können viele Menschen mit Demenz lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.

Welche Hilfe gibt es für pflegende Angehörige?

Es gibt verschiedene Unterstützungsangebote wie Pflegeberatung, Tagespflege, ambulante Pflegedienste oder Betreuung zu Hause. Diese Angebote können den Alltag für Angehörige deutlich erleichtern.

Tipp:
In Deutschland gibt es eine Online-Adressliste mit Beratungsstellen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Auf der Internetseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft können Sie nach Postleitzahl oder Ort suchen und passende Ansprechpartner in Ihrer Nähe finden. Dort werden zum Beispiel Alzheimer-Gesellschaften, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und andere Unterstützungsangebote angezeigt. So können Betroffene und Angehörige schnell Hilfe und Beratung vor Ort finden.

Anzahl der zu Hause gepflegten Menschen mit Demenz in Deutschland

  • Rund 1,8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer Demenzerkrankung.
  • Davon werden etwa zwei Drittel zu Hause gepflegt.
  • Das entspricht ca. 1,2 Millionen Menschen, die im häuslichen Umfeld versorgt werden.

Quellen:

  • Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA), Deutscher Alterssurvey / Demenzreport
  • Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V., „Zahlen und Fakten“ (regelmäßig aktualisierte Schätzungen)

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